 Als im Herzen durch und durch riesengroßer Metal - Fan ist es immer wieder ein großes Glück, mit den Herrschaften zu plaudern, die die Musik spielen, die man so sehr liebt. Bekommt man dann auch noch das Angebot, ein Interview mit einer seiner Lieblingsbands zu führen, so ist das eine doppelt so große Ehre. Meine Freude über die Möglichkeit, ein paar Worte mit Mike (g.) von Destruction zu wechseln, lässt sich deshalb nicht annähernd in Worte fassen. Ein paar Minuten später gesellte sich dann auch noch Frontmann Schmier (b. / v.) dazu, so dass ich vor Nervosität beinahe geplatzt wäre. Hauptaugenmerk des Gesprächs mit den beiden sympathischen Thrashern war natürlich der am 22. August erscheinende neue Silberling "Inventor of evil":
Am Montag erscheint Eure neue Scheibe, wie waren denn bisher die Reaktionen von Freunden, Fans und Presse?
Mike: Gut, eigentlich ziemlich positiv. Von den Freunden ist die Reaktion eh meistens positiv, das ist klar, ne? Es kommt natürlich auf die Freunde drauf an, aber soweit waren sie ganz positiv. Okay, mit der Kritik im Metal Hammer bin ich nicht ganz zufrieden, aber man braucht jetzt nicht in die Details zu gehen. Im Allgemeinen stimmt das alles. Die meisten Kritiken habe ich eh noch nicht gelesen. Die Deutschen kommen zuerst, das ist meistens so. Aber Deutschland ist nicht die Welt, jetzt warten wir mal ab, die Zeit wird's zeigen. Ich bin eh nicht jemand, der gleich auf den ersten Hype reagiert. Die guten Kritiken kommen zuerst, die schlechten kommen später, das ist irgendwie so ein Gesetz. Aber schauen wir mal, ich bin ganz zufrieden bis jetzt.
Das wäre auch eine weitere Frage von mir gewesen: In der Rock Hard z.B. habt ihr zwar eine gute Einzelritik bekommen, aber seid weder auf den so genannten "Dynamit" - Plätzen, noch auf der "Dynamit - CD" gelandet. Nimmt man das zur Kenntnis oder nimmt man sich das zu Herzen?
Mike: Man nimmt es zur Kenntnis. Wenn man es sich zu arg zu Herzen nehmen würde, dann wäre man vielleicht ein bisschen sauer. Ich nehme es mir nicht zu arg zu Herzen. Schmier hat da noch mal angerufen und mit Götz geredet und der meinte, das es halt eine demokratischen Entscheidung war. Da kann ich mich dann auch nicht einmischen. Vielleicht hätten aber gerne ein paar mehr Leute Destruction auf dem Teil drauf gehabt, weil ich denke mal, da ist ziemlich viel Schrott drauf, wie jedes Mal. Wieviel Bands sind da drauf? So zwölf? Da müssen zwölf verdammt gute Bands drauf sein, um uns rauszuschmeißen! Mal gucken, ob die so gut sind auf Dauer, ich weiß es nicht.
Das ist immer Geschmackssache, ne?
Mike: Yo.
Wie würdest Du denn das neue Material beschreiben und wo ist der Unterschied für Dich zum Vorgänger, "Metal discharge"?
Mike: Wir haben vom Songwriting her alles ein bisschen offener gestaltet, würde ich mal sagen. Wir haben den Kopf mehr aufgelassen und sind auch mehr die ruhigeren Ideen angegangen. Früher haben wir uns mehr so einen Kanal gemacht: ‚Wir müssen jetzt hart sein und das Ganze muss so und so klingen'. Diesmal haben wir uns ein bisschen vom Klischee abgewendet.
Ich habe auch das Gefühl, dass auf "Inventor of evil" endlich wieder Songs sind, die herausstechen, z.B. "No mans land", den ihr gerade beim Soundcheck gespielt habt. Den finde ich sehr geil. "Metal discharge" war nicht wirklich schlecht, aber da fehlte irgendwie der Knaller. Vorher waren ja auch auf "The Antichrist" beispielsweise "Thrash til death" und noch ein paar andere Hits.
Mike: Ja, aber die sind wahrscheinlich Hits geworden, weil wir die die ganze Zeit live gespielt haben!? Gut, wir machen uns selbst Gedanken drüber und gucken halt, dass wir die besten Songs vom Album aussuchen, aber jeder hat seinen eigenen Geschmack. Da kommen auch wieder Leute daher und sagen ‚warum spielt ihr immer die Songs, ihr habt doch noch viel bessere auf dem Album?'. Was jetzt wirklich ein Hit ist, weiß ich auch nicht.
Die meisten schreien wahrscheinlich auch nach den alten Songs, ne?
Mike: Würde ich so auch nicht sagen. Es ist eine Gesetzmäßigkeit, dass wohl die Mehrheit die alten Sachen besser kennen, aber je länger etwas auf dem Markt ist, desto mehr wird es gekauft, oder? Es ist dann wie eine Summe zum Schluss. Bei den neuen Sachen muss man meistens ein bisschen warten. Es ist immer ganz hart, Material zum ersten Mal zu spielen, wenn die Platte noch gar nicht draußen ist. Die Leute kennen es ja noch gar nicht und müssen sich das erstmal ein bisschen in den Kopf reinpacken. Nach einem halben Jahr singen sie dann erst langsam mit, weißt Du. Und dann wird es erst ein Hit. Man kann das alles nie vorher wissen.
Ihr habt ja einen Song geschrieben, der zu Toleranz in der Szene aufruft und an dem noch ganz viele andere Musiker beteiligt waren…
Mike: "The alliance of hellhoundz", ja.
Warum glaubt ihr, dass es mal nötig war, das ganze zu thematisieren?
(Schmier betritt den Raum, lässt sich auf einem Stuhl nieder und beteiligt sich am Gespräch:) Bist Du nicht mal im Internet und guckst, wie sich die Leute die Köppe einschlagen - ‚Wir sind lauter, härter, schneller, größer, melodischer, besser…'? Ich glaube, die Menschen sind so, dass man denkt, das was man selber hört, ist das geilste und die anderen haben keine Ahnung davon. Ich habe mal versucht, das zu thematisieren, dass Metal irgendwo die gleichen Roots hat und die ganzen Leute aus der gleichen Szene kommen.
Mike: Ja, die Leute im Allgemeinen werden immer engstirniger. Nicht alle, aber gerade die jungen.
Schmier: Wir waren ja selber…
Mike: …ja, wir waren auch so ähnlich, aber weißt Du, manchmal spreche ich mit Leuten und möchte mit ihnen über Musik quatschen und die kennen dann nicht mal Deep Purple oder AC/DC, das ist mir dann zu müßig mit denen überhaupt anzufangen, über dieses Thema zu reden. Die müssen halt alle ihren Kopp ein bisschen auflassen, oder? Machen wir ja auch, oder? Sonst hat keiner Spaß miteinander.
Schmier: Nee, das musste halt auch mal gesagt werden. Ich denke, auf den Festivals geht es ja ganz gut, dass die Leute sich vertragen. Das war eben ein Statement, das mir auch am Herzen lag, weil ich eben viele Leute aus der Szene kenne, die auch anders sind und andere Musik machen. Das ist für mich auch eine Sache, die ich in ein paar Jahren immer noch gerne sehen werde, denn es musste mal gesagt werden.
War es schwierig, mit so vielen Leuten zu arbeiten? Habt ihr da Vorgaben gemacht?
Schmier: Joa, es gab ein Rohmaterial, was für alle als Richtlinie gedient hat. Jeder konnte das ein bißchen interpretieren und drehen wie er wollte, aber es war an sich schon irgendwo vorgegeben.
Mike: Schwierig war es, auszusuchen, ne?
Schmier: Ja, es war schwierig, die Leute zu finden, sie zu packen und zu sehen, wo jeder singt und was jeder singt. Das war schon ein bisschen Arbeit. Und alle dazu zu bringen, dass sie eben in den nächsten vier Monaten ihre Gesangsspuren abliefern, war halt auch nicht so einfach.
Mike: Klar, weil die das vorher hören wollen. Du musst es erstmal hinschicken, abwarten und gucken, ob die überhaupt Bock haben. Das zieht sich dann schon, aber die haben alle schnell reagiert.
Schmier: Ja eben, das ist einfach so. Es war klar, dass es Arbeit ist. Am Ende des Tages war es mehr Arbeit als man denkt, aber es war uns halt wichtig, dass alle den Zeitplan einhalten. Es war schon eng. Biff zum Beispiel hat am letzten Tag in Italien eingesungen. Direkt nach der Show in Italien, wo wir auch mit ihm gespielt haben, haben wir nach der Show im Saxon - Umkleideraum ein kleines Studio aufgebaut…
Mike: …nachts um zwei…
Schmier: …und haben ihn da singen lassen. Die sind halt alle auf Tour und da kannst Du sie nicht ins Studio lotsen, das ist ein bisschen schwierig. So hat das halt alles geklappt, fast alles zumindest.
Ist das jetzt auch ein Song geworden, auf den ihr besonders stolz seid?
Schmier: Ich denke mal, Biff von Saxon und Paul DiAnno singen ja nun nicht auf jedem Destruction - Album!
Mike: Finde ich auch! Das ist dann schon eine große Ehre!
Schmier: So zwei Heroes!
Du (in Richtung Schmier) hast ja auch schon auf dem Wacken 2004 mit Saxon gespielt.
Schmier: Ja, das war auf jeden Fall auch schon eine große Ehre!
Mike: Wir haben ja früher aufgeguckt zu diesen Leuten.
Schmier: Eins meiner ersten Metal - Konzerte damals war Saxon.
Mike: Das ist schon der Hammer, wenn die dann selber bei Dir drauf sind.
Schmier: Das ist schon cool!
Ich merke, ihr seid auch fast mehr Fans als Band!?
Mike: Klar, hey, wenn Du mit, wie alt war ich da, fünfzehn das erste Mal bei Maiden stehst - klar bin ich da noch Fan! Das hat mich ja beeindruckt und beeinflusst und so. Das vergisst man ja nie, oder? Und wenn, dann wäre man ja ein Verräter, oder? (lacht)
Ein Wort zur Produktion: Ihr habt euch ja für "Metal Discharge" von Peter Tägtgren als Produzenten losgelöst. Diesmal habt ihr mit Peter Tägtgren und V.O. Pulver, der für die Produktion von "Metal discharge" verantwortlich war, im Doppelpack gearbeitet. Was war ausschlaggebend? Wolltet ihr quasi die Stärken der beiden vereinen?
Mike & Schmier: Genau!
Schmier: Das war so die Quintessenz der letzten Jahre, weil wir da gemerkt haben, dass Peter doch einen guten Mix fährt und auch den Schlagzeugsound sehr gut abmischt. Das war halt zuletzt ein Manko und somit haben wir das Beste aus den letzten Jahren benutzt. Ich denke, das ist auch ganz gut so.
Mike: Wir wollten auch nicht unbedingt nach Schweden und dort aufnehmen und da hat der Peter ganz cool reagiert: ‚Ich komme auch nach Deutschland' und so. Super flexibel!
Schmier: Wir haben in Deutschland das Schlagzeug aufgenommen und dann sind wir nach Schweden gegangen und haben dort abgemischt. Diesmal haben wir in der Schweiz eben den Rest aufgenommen. Auf jeden Fall 'ne gute Mischung.
Mike: Das ist auch schön, wenn du zu Hause dein Studio hast.
Schmier: Dann kriegst Du auch keinen Studiokoller, weißt Du. Wenn Du vier bis fünf Wochen im gleichen Studio sitzt, hast Du nur noch einen Tunnelblick. So war es alles ein bisschen lockerer, man konnte nach Hause und sich mal ein paar Tage frei nehmen.
Mike: Optimal.
Schmier: Da kriegt man den Kopf auch eher frei.
Ihr habt ja diesmal als Bonustrack keinen alten Song aufgenommen…
Schmier: Doch auch, aber nur für Japan. Die Japaner kriegen "Eternal ban". In Deutschland gibt es die Motörhead - Coverversion.
Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, eine ‚Best of' zu machen und die Sachen neu einzuspielen, so wie Anthrax es gemacht haben?
Schmier: Darüber haben wir auch schon nachgedacht. Wir hatten überlegt, das sogar vor "Inventor of evil" zu tun, aber dann kamen der Wechsel der Plattenfirma und so weiter.
Mike: Und dann kam die Anthrax - Platte und dann dacht ich ‚nee, lieber vorsichtig sein'.
Schmier: Genau, dann kam die Anthrax - Platte und da dachten wir, wir warten lieber noch ein bißchen.
Ihr hattet davor ja auch noch eine DVD.
Mike: Ja.
Schmier: Ich denke, eine ‚Best of' mit neu eingespielten Songs kommt bestimmt noch mal irgendwann.
Mike: Gerade nachdem es Anthrax gemacht haben, hätte es geheißen: ‚Destruction machen es eh nur nach'.
Auf Eurer Homepage steht, dass ihr eine Welttournee starten werdet. Welche Länder werdet ihr bereisen? Fahrt ihr auch nach Japan?
Schmier: Alle!
Mike: Manche nicht. (lacht)
Schmier: In zwei Wochen fangen wir in Japan an, dann geht's nach Südamerika. Europa kommt im November und der Rest der Welt dann Anfang des nächsten Jahres. Wir haben viel vor. Ich denke, wir werden auch einige Gebiete das erste Mal spielen. Wir haben Angebote aus Malaysia und weiteren abgefahrenen Ländern bekommen, da freuen wir uns drauf.
Was auch auf Eurer Homepage stand, war eine ziemlich schwammige Meldung, dass sich ein Bandmitglied verletzt hat.
Schmier: Aha, stand das bei uns auf der Homepage drauf?! Im Forum, oder wo?
Nee, in den News, deshalb sollte wohl ursprünglich der "Metal Forever" - Festivalgig abgesagt werden?
Schmier: Ach damals.
Ja, ich habe mir das so aufgeschrieben.
Schmier: Jaja, okay, das war das "Metal Forever" - Festival, da war nicht klar, ob wir da spielen konnten, aber das ist auch schon ein paar Monate her.
Es stand da halt, ohne dass klar war, was wirklich los war.
Schmier: Das war eine übliche Handverletzung, die man sich halt so zuzieht. Da wussten wir nicht, ob man spielen kann oder nicht. Das ist immer so eine Sache, wenn Du Dir die Hand verzerrst oder was dehnst.
Mike: Hatte ich mir da nicht in den Finger geschnitten? Das war es. (Deutet auf eine Narbe an einem Finger der rechten Hand) Da haben die wieder maßlos übertrieben! Ich habe mir in den Finger geschnitten.
Schmier: Nee, die Show stand auf der Kippe.
Mike: Ja?
Schmier: Jaja, aber das ist auch schon länger her, ich weiß nicht, so vier Monate? Wir waren kurz zuvor zu canceln, aber das ganze hat dann doch geklappt.
Thrash Metal erlebt in Deutschland gerade so eine Art Wiedergeburt…
Schmier: Echt?
Mike: Naja…
…doch, Destruction, Kreator, Sodom, Holy Moses…
Mike: Es kackt nicht wirklich ab, aber es geht auch nicht wirklich hoch, es ist immer schön.
Schmier: Ich denke, es ist wieder eine schöne Basis da.
Mike Gut, es kommen wieder mehr Junge, das stimmt.
Schmier: Es kommen wieder junge Fans zu den Shows. Aber ich denke, es ist nicht der super Trend im Moment. Die Basis wächst kontinuierlich, auch weltweit. Das ist auch gut zu sehen, aber vom Trend würde ich nicht unbedingt reden.
Mike: Nicht unbedingt.
Schmier: ‚Trend' ist auch immer so ein komisches Wort, oder?
Metal ist sowieso kein Trend.
Schmier: Eben, so sieht es aus!
Macht ihr euch denn Gedanken, wie hoch eure Musik gerade im Kurs ist?
Schmier: Was heißt Gedanken? Es wird immer Leute geben, die erfolgreicher sind. Man muss gucken, dass man das, was man macht, gut macht und dass die Fans zufrieden sind. Natürlich auch, dass man selber Spaß daran hat.
Mike: Wir haben auch gut zu tun.
Schmier: Das ist ein gutes Zeichen, denke ich.
Mike: Was willst Du dann noch mehr? Na klar will jeder mehr, natürlich will ich mir auch ein Haus kaufen.
Schmier: Ich denke, die Nachfrage ist extrem gut, wir können ständig spielen, weltweit…
Mike: … und das ist schon mal was. Während viele Leute nebenher noch Arbeiten müssen, müssen wir das halt nicht mehr.
Was erwartet ihr von der Releaseparty heute Abend, speziell von eurem Auftritt?
Mike: Ach weißt Du, Bochum ist immer eine Bank, da spiele ich eigentlich immer ganz gerne. Die Leute gehen halt ab wie Sau. Zum ersten Mal heute in der Matrix. Beim Bühnensound standen wir gerade ganz böse im Wald, weil er ehrlich gesagt zum kotzen ist, aber wenn die Leute reinkommen, wird das hoffentlich besser werden.
Das habe ich ja gerade mitbekommen. Nach außen war es auch nicht so schlimm. Ihr habt zwar angedeutet, dass ihr nichts hört, aber nach außen ging es.
Mike: Schauen wir mal. Wenn da ein paar Leute kommen, wird das glaube ich schon ganz geil.
Spielst Du denn lieber auf einem Festival oder lieber in der Halle?
Mike: Das ist eine schwierige Frage. Ein Festival ist schon geil! Wenn da so viele Leute sind, kriegst Du schon einen Hype davon. Aber soundtechnisch ist es mir in einer Halle dann schon lieber. Das kommt natürlich auch wieder auf die Halle an, es gibt auch ganz ganz schlimme. Aber eigentlich spiele ich schon lieber indoor. Da kannst Du einfach einen lauteren Sound fahren. Das drückt meistens besser.
Habt ihr noch etwas, was ihr loswerden wollt, ein letztes Wort vielleicht?
Mike: Ich habe nie ein letztes Wort, das ist Schmier's Spezialität.
Schmier (der sich nach kurzer Abstinenz erneut dazugesellt hat): Heavy Metal ist tot - Lang lebe Heavy Metal!
(Allgemeines Lachen)
Alles klar, dann bedanke ich mich!
Mike: Gern geschehen!
Defroster
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