 Die Autobahnen, die Autobahnen. Irgendwie scheint sich Deutschland gegen mich verschworen zu haben- zumindest auf den Landwegen. Bin ich doch, um pünktlich zu meinem Termin zu kommen, extra anderthalb Stunden eher los gefahren (bei einer halben Stunde Fahrzeit). Und was passiert? Es ist Stau! Und was für einer. Mit zwei Minuten Verspätung und völlig außer Atem komme ich dann doch noch in der Zeche Carl in Essen an, wo mich mein Interviewpartner Michael Stanne schon erwartet. Nach ein Paar Flaxerein, an einem gemütlichen Platz unterm Fenster, ging es auch gleich los.
Hallo, ich freu mich, dass du ein wenig Zeit für mich hast. Fangen wir mal mit einer Standartfrage an. Das ist ja inzwischen der zweite Gig auf der Tournee, wie war es bisher?
Hallo, eigentlich war es ganz gut. Wir haben viel Spaß gehabt, allerdings muss man sich erst wieder dran gewöhnen auf Tour zu sein. Ist doch was ganz anderes.
Euer neues Album Damage Done ist ja inzwischen seid zwei Monaten auf dem Markt. Die Reaktionen der Presse, wie auch der Fans, waren überdurchschnittlich gut. Habt ihr etwas in diese Richtung erwartet?
Das ist immer schwer so was vorherzusagen. Wir wissen nie, was wir erwarten sollen. Wir denken da aber auch nicht wirklich drüber nach. Obwohl wir sehr froh über die Reaktionen waren. Das Album ist genauso geworden wie wir es geplant haben und als es fertig war, waren wir sehr gespannt es selber zu hören. Wir haben dann zusammen da gesessen und uns gedacht "Yeah, das ist geil. Genau was wir machen wollten!" Danach kann man dann eigentlich nur noch hoffen, dass die Leute es auch mögen. Was sie bis jetzt auch taten. Man gewöhnt sich irgendwie an die guten Kritiken, doch die Reaktionen waren weitaus besser als wir uns je erhofft haben.
Zwischen Heaven und Damage Done lagen zwei Jahre, was habt ihr in dieser Zeit alles getrieben?
Na ja, das normale Programm halt. Zuerst veröffentlichst du deine Cd, dann wartest du ein wenig und fängst an ein paar Monate zu Touren. Wenn du dann wieder zuhause bist, machst du erst mal ein wenig Urlaub und erholst dich. Doch nach ein paar Tagen, vielleicht ein paar Wochen, wirst du nervös und willst wieder in den Proberaum und fängst an zu schreiben. Allerdings dauerte dies bei Damage Done dieses mal recht lange. Wir haben uns Zeit gelassen, da wir das Album für uns perfekt machen wollten. Wenn man dann einmal alles zusammen hat, geht der Rest recht schnell. Wir waren drei Wochen im Studio und die Cd erschien auch recht bald nachdem wir die Aufnahmen beendet hatten.
Ihr wart dieses mal alleine im Studio für die Aufnahmen und habt erst nachher beim mixen Unterstützung bekommen. Warum?
Wir haben dieses mal niemanden gebraucht, da wir genau wussten was wir wollten. Freddie (Fredrik Nordström) kam nachher dazu und hat beim Mixen geholfen. Studioarbeit ist immer langweilig wie sonst noch was, doch ein notwendiges übel. Man macht ja eigentlich nur das, was man die Monate vorher schon im Proberaum geübt hat.
Das neue Album ist um einiges härter geworden als der Vorgänger Heaven, nicht zu sprechen von Projector. Diesmal hast du ja auch jegliche Cleanen Vocals raus gelassen. War das eine willentliche Änderung, die von euch während des langen Schreibprozesses angestrebt worden ist?
Wir wussten nicht was wir zu erwarten hatten, als wir mit dem Schreiben der Songs begonnen haben, das einzige was wir wussten war, dass wir ein viel härteres Album machen wollten. Dann hatten wir die ersten Stücke stehen und sind zu dem Schluss gekommen, dass das schon mal ganz gut, allerdings immer noch nicht hart und schnell genug war. Genauso verhielt sich das auch mit den Gesangsparts. Ich habe es mit den Cleanen Vocals probiert, aber es hat einfach nicht gepasst. Wir wollten ein aggressives, hartes Album machen und haben die Vocals dann auch dementsprechend gemacht. Es hätte nicht gepasst.
Das Album beginnt mit dem Song "Final Resistance" und endet mit dem Instrumentalstück "El Nino". Während der Opener sehr intensiv ist und das Stück "El Nino" eher als ruhig zu bezeichnen ist, spannt es doch einen Bogen über die Platte. Was hat euch dazu bewegt?
"Final Resistance" war das letzte Stück, das wir aufgenommen haben und wir waren uns noch nicht einmal sicher, ob es überhaupt auf der Platte veröffentlicht werden sollte. Letzten Endes haben wir es dann doch als Operner gewählt, da es so aggressiv und hart ist. Es schafft einen guten Einstieg in die Cd und macht deutlich, was noch zu erwarten ist. "El Nino" ist ein sehr experimentelles Stück gewesen. Es wurde aus vielen Riffs und Sequenzen gemacht, die wir während des Mixens übrig behalten haben. Nach einem so intensiven Album braucht man etwas zum entspannen, um dem Ganzen rückbesinnen zu können und drüber nachzudenken, bevor man es dann hoffentlich wieder anfängt.
Du hast die ganzen Texte wieder alleine geschrieben, während es früher so war, dass du und Nicklas Sundin gemeinsam daran gearbeitet haben. An was orientierst du dich, bzw. an was denkst du beim schreiben?
Nicklas denkt er hat nicht mehr die Zeit dazu. Er arbeitet lieber an der visuellen Umsetzung der Songs am Computer. Das geht aber auf jeden Fall auch mit mir klar. Da wir immer erst die Songs schreiben bevor ich mich an die Lyriks setzte, kann ich mir einen Song stundenlang vorher anhören und mich in die entsprechende Stimmung hereinversetzen, bevor ich anfange zu texten. Da die Musik so hart und aggressiv ist, versuche ich, das auch mit meinen Texten auszudrücken. Es geht mir darum die Musik zu fühlen, sie aufzunehmen und dann lyrisch zu verarbeiten. Das ist immer ein sehr langer Prozess, doch ist das Ergebnis immer sehr befriedigend. Meistens findet man Sachen über sich heraus, die man vorher noch nicht wusste. Die Inhalte der Songs beschäftigen sich mit Frust und Dingen, die mich irritieren. Mit der Tatsache, dass man einmal Geschehenes nicht wieder rückgängig machen kann und nicht wieder zu einem bestimmten Punkt in seinem Leben zurück kann, die Entscheidungen die wir treffen und welche Kreuzungen wir im Leben passieren. Das ist das Hauptthema des Albums. Daher auch der Titel. Der Schaden ist angerichtet, wir können nicht mehr zurück und nun müssen wir schauen, was wir daraus machen. Das sind Themen die mich beschäftigen. In gewisser Weise ist das schon frustrierend, aber in anderer Hinsicht auch wieder sehr interessant.
Inzwischen seid ihr über 4 Jahre in einem konstanten Line Up unterwegs. Nicht das dies eine schlechte Sache wäre, aber glaubst du, dass neue Leute vielleicht auch neue Ideen in die Band mit einbringen würden, oder sollte lieber alles so bleiben wie es ist?
Ach weißt du, wir mögen keine Fremden. Haha. Nein, aber vier von uns sind seit den Anfangstagen dabei und zwei davon kenne ich von Kindertagen an. Das ist schon alles gut wie es ist. Wir sind aufgrund unserer Herkunft und gemeinsamen Freunde eine zusammengewachsene Gemeinschaft. Ich denke das Line Up wird so noch für eine lange Zeit bestehen bleiben, das geht sogar soweit, dass wir uns im Probenraum ohne Worte verstehen.
Besteht der Gedanke ein Live Album oder eine DVD aufzunehmen um den Fans nun endlich auch mal etwas visuelles zu geben, was über die 4 Minuten Musikvideo hinaus geht?
Oh, wir haben schon eins aufgenommen. Vor ein paar Wochen in Polen. Wir waren in Krakau und haben eine Live DVD aufgenommen. Vielleicht kommt auch noch eine Cd raus, aber ich hoffe es nicht, da der Sound nicht so gut war. Hoffe mal wir können das noch aufhalten. Aber die DVD wird gut aussehen. Ich war zwar sterbenskrank und hatte so meine Probleme mit dem Singen, aber es sieht gut aus. Es werden auch ne Menge Bilder und anderes Material drauf sein. Ich denke die DVD wird im Januar rauskommen, ich habe aber noch nichts davon gesehen und kann nicht sagen, wie viel noch geschnitten werden muss.
Wo wurde denn aufgenommen? War es auf einem großen Festival oder in einem kleinen Club?
Gar nichts von beidem. Es wurde in einem TV-Studio aufgenommen vor 100 - 150 Leuten. Es wurde nicht groß angekündigt, sondern es waren nur Menschen, die wir über unsere Homepage kannten. Das Publikum war cool, allerdings sah es beim Dreh etwas wenig aus. Wir werden sehen. Eigentlich wollten wir ne große Show aufnehmen. Wir haben letztes Jahr auf dem Wacken gespielt und die Show sollte aufgenommen werden, doch irgendwas hat nicht geklappt und so wurde das nix. Und anstatt es vor ein paar tausend Leuten aufzunehmen, haben wir es dann vor hundert in Polen aufgenommen. Aber das ist schon ok.
Wo wir gerade beim Thema Wacken sind. Ihr habt in diesem Jahr gar keine Festivals in Deutschland gespielt, ist irgendwas für das nächste Jahr geplant?
Nach der Deutschland/Europa Tour werden wir erst einmal zwei US-Touren spielen. Im Sommer werden wohl auch einige Festivals dazu kommen. Wir haben vor zehn Minuten mit unserem Manager darüber gesprochen, vielleicht auf dem SummerBreeze zu spielen. Hoffentlich klappt das und noch ein paar andere Termine dazu.
Was erwartet ihr von den USA?
Wir kommen gerade erst wieder aus den USA. Es war unglaublich. Wir haben mit In Flames und Sentenced gespielt. Es waren leider nur zwei Wochen, aber die Leute waren so klasse und das Publikum hat ordentlich gefeiert. Es war eine klasse Zeit. Die meisten Leute haben noch nie etwas von uns gehört gehabt, sind aber trotzdem abgegangen wie sonst noch was und haben Cds ohne Ende gekauft. Die Amis brauchen das. Die haben ja so viel Scheißmusik da drüben.
Was haltet ihr den von dem ganzen NuMetal Zeug, was im Moment so hoch im Kurs steht?
Es gibt ein paar Sachen, die kann man sich anhören, aber ansonsten finde ich das alles eigentlich nur dumm. Diese ganzen Bands klingen alle gleich und werden auch gleich vermarktet. Da gibt es kaum Unterschiede. Es ist eine ganz extreme Form von Schubladen-Denken. Die Bands lassen das aber auch mit sich machen, weil sie alle erfolgreich sein wollen. Das ist einfach nur dumm. Am schlimmsten ist aber immer noch die Rivalität der Bands untereinander. Die versuchen sich alle gegenseitig auszustechen.
Was ist denn Metal für dich?
Metal ist eine sehr ausdrucksstarke Art von Musik für mich. Es ist sicher auch eine Lebensart, auch wenn das wieder wie so ein Klischee klingt. Wenn man auf Metal steht, dann lebt man sein Leben auch auf eine ganz bestimmte Art. Allerdings läuft das alles auf sehr energiegeladene Musik hinaus, das eine ganz andere Ausdrucksart als viele andere Musikformen hat. Dann kommt immer noch das Gefährliche hinzu. Jeder der Metal mag hat irgendwie so angefangen. Es ist immer das besondere gewesen, was diese Bands ausgestrahlt haben. Man hat sich immer nur gedacht, was sind die cool. Irgendwann fängt man dann mit den ersten bösen Bands wie W.A.S.P. oder Iron Maiden an und hat immer im Hinterkopf, was das denn alles für krasse Leute sind. Das ist denke ich auch der Grund, warum viele Kids voll in solchen Bands wie Slipknot sind. Die sind einfach viel zu weit von Gut und Böse. Es dient immer dem Zweck, dass es so anders ist, dass die Kids damit eine Form von Rebellion gegen die Eltern ausdrücken können. Das ist, warum Metal immer noch so groß ist und immer groß bleiben wird.
Was siehst du denn für Gefahren in der Metalmusik. Glaubst du, dass Metal der Grund für manche Leute sein kann, auszuflippen?
Ich denke, dass es so sein sollte, dass die Musik dir ein Ventil für deine Gefühle bietet. Wenn man einen aggressiven Song hörst, sollte man ihn dazu nutzen können, seine Aggressionen darüber raus zu lassen. Das klappt für mich. Wenn's mir scheiße geht, dann hole ich mir das aggressivste Album raus, das ich habe und lass es raus. Aber das ist mit allem so. Wenn du schon von Anfang an Probleme hast, können Sachen bestimmte Ideen vermitteln, die gefährlich sind. Das liegt aber nicht am Metal sondern an den Personen. Genau wie bei brutalen Computerspielen ist es nicht die Schuld der Spiele, wenn danach einer ausflippt und Amok läuft. Das ist doch alles Mist, es geht nur darum einen Sündenbock zu finden.
Nun, mit diesen Worten möchte ich dann meine Fragen beenden und bedanke ich mich für das Interview.
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